Der lange Weg zum Medikament
6. Exkurs: Interview mit Prof. Michael Hottiger
«Ohne Grundlagenforschung sind neue Medikamente undenkbar»
Herr Prof. Hottiger, welche Rolle spielt die Grundlagenforschung bei der Entwicklung neuer Medikamente?
Die medizinische Grundlagenforschung untersucht die komplexen Funktionen im gesunden sowie im kranken Körper. Ihre Erkenntnisse schaffen idealerweise – aber längst nicht immer – die Grundlage für neue Therapien. Resultiert daraus ein neues Medikament, dauert dessen Entwicklung mehrere Jahre. Ohne Grundlagenforschung ist die Entwicklung neuer Medikamente heute undenkbar. Praktisch all unsere Medikamente beruhen auf deren Erkenntnissen.
Welche Bedeutung haben Tierversuche in der Grundlagenforschung?
Gewisse Tierarten sind dem Menschen hinsichtlich Körperfunktionen oder Organaufbau sehr ähnlich. Diesen Umstand nutzt die Grundlagenforschung, um pathologische Prozesse zu verstehen. Die am Tier entwickelten Modelle lassen sich für wissenschaftliche Fragestellungen heranziehen. Dank der Tiermodelle können wir für den Menschen relevante Krankheitsmechanismen untersuchen, beschreiben und verstehen, ohne unverantwortliche Eingriffe in den menschlichen Organismus vornehmen zu müssen.
Wäre es nicht möglich, Tierversuche nur in der anwendungsbezogenen Forschung einzusetzen?
Es liegt in der Natur der Grundlagenforschung, nicht direkt ein Medikament zu entwickeln. Würden wir uns auf translationale Forschung beschränken, würden wir längerfristig eine wichtige ergänzende Wissensquelle verlieren. Zusätzliche Erkenntnisse über Funktionen unseres Körpers wären dann nicht mehr möglich, der medizinische Fortschritt würde blockiert. Aus diesem Grund wäre es verheerend, würden Tierversuche in der Grundlagenforschung verboten.
Können Sie das am Beispiel Ihrer Forschung veranschaulichen?
Wir untersuchen, wie Entzündungen entstehen, wie sie das Gewebe oder Organ verändern und wie sie wieder abklingen. Unsere Erkenntnisse ermöglichen beispielsweise ein vertieftes Verständnis von bakteriellen Infektionen, aber auch von nicht bakteriellen, sterilen Entzündungen, die nach heutigem Wissen unter anderem eine wichtige Rolle bei der Alterung des Körpers oder bei der Krebsentstehung spielen. Solche Entzündungen gehen stets mit komplexen Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Zelltypen des Bluts und den Organen einher. Dieses dynamische Geschehen kann man nicht an einer Zellkultur oder an organähnlichen Mikrostrukturen studieren. Hierfür brauchen wir das Tier. Entzündungsforschung – auch wenn sie wie an unserem Institut modernste Technologien nutzt – ist auf lebendige Organismen angewiesen.
Wie weit lassen sich Tierversuche in der Grundlagenforschung durch alternative Methoden ersetzen?
Das 3R-Prinzip ist von zentraler Bedeutung. Wir wenden es in unserer Forschung konsequent an. Bevor ich bei der kantonalen Tierversuchskommission einen Antrag stelle, lege ich Rechenschaft ab, welche Vor- und Nachteile ein Tiermodell hat und ob ein Tierversuch wirklich nötig ist oder ob es alternative Methoden gibt, um den gleichen Wissensgewinn zu erlangen. Wenn ich auf einen Tierversuch verzichten kann, tue ich das aus tierschützerischen und ethischen Gründen, aber auch, weil es einer der teuersten Versuche ist, die man in der Grundlagenforschung machen kann. Um dem Tierschutz bestmöglich gerecht zu werden, frieren wir beispielsweise auch die Organe von getöteten Tieren ein, um sie bei späteren Versuchen und Fragestellungen verwenden zu können. Ich kann mir aus heutiger Sicht nicht vorstellen, dass Tierversuche eines Tages ganz vermieden werden können. Aber indem wird weiterhin Tiermodelle validieren und das 3R-Prinzip strikt umsetzen, können wir weitere Fortschritte für das Tierwohl erzielen.